ICD‑10, ICD‑11 – oder doch ICD‑XY ungelöst?
- Sonja Schmarl

- 7. März
- 2 Min. Lesezeit
Wer sich mit psychischer Gesundheit beschäftigt, stößt früher oder später auf zwei Abkürzungen: ICD-10 und ICD-11. Beide stammen von der WHO Weltgesundheitsorganisation und dienen der internationalen Klassifikation von Krankheiten. Auch psychische Erkrankungen und psychische Störungen werden in diesen Systemen beschrieben und mit diagnostischen Codes versehen, die weltweit im medizinischen und psychotherapeutischen Kontext verwendet werden.
ICD-10 und ICD-11: Wozu Diagnosen in der Psychotherapie dienen
Die ICD-10 war über viele Jahre das zentrale diagnostische Klassifikationssystem im Gesundheitswesen. Mit der ICD-11 wurde dieses System weiterentwickelt und in vielen Bereichen aktualisiert. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, präzisere diagnostische Kriterien und eine bessere internationale Vergleichbarkeit waren wichtige Gründe für diese Weiterentwicklung. Diagnosen erfüllen im medizinischen und psychotherapeutischen Kontext mehrere Funktionen. Sie helfen, Symptome systematisch einzuordnen, Behandlungsmöglichkeiten zu planen und therapeutische Maßnahmen nachvollziehbar zu dokumentieren. Gleichzeitig bleibt eine Diagnose immer ein fachliches Modell, das bestimmte Aspekte einer psychischen Belastung beschreibt – aber nie die gesamte Lebensrealität eines Menschen abbilden kann.
Wenn Belastungen nicht in eine Diagnose passen
Viele Menschen suchen Unterstützung jedoch nicht wegen einer klar diagnostizierbaren psychischen Erkrankung. Häufig stehen Lebenskrisen, Trauer, berufliche Belastungen, Überforderung oder persönliche Umbrüche im Vordergrund. In solchen Situationen geht es weniger um eine medizinische Diagnose als um Orientierung, Stabilisierung und das gemeinsame Entwickeln neuer Perspektiven. Genau hier setzt psychosoziale Beratung an.
Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, welcher Diagnosecode zutrifft, sondern welche Belastungen aktuell erlebt werden, welche Ressourcen vorhanden sind und welche nächsten Schritte hilfreich sein könnten.
Beratung ohne Diagnose – und dennoch professionell
Psychosoziale Beratung ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Wenn sich im Gespräch Hinweise auf eine psychische Erkrankung zeigen oder eine fachärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Abklärung sinnvoll erscheint, gehört auch der Hinweis auf entsprechende weiterführende Unterstützung zur professionellen Verantwortung.
Gleichzeitig gibt es viele Lebenssituationen, die nicht automatisch eine Diagnose erfordern, aber dennoch ernst genommen werden sollten.
Vielleicht könnte man deshalb mit einem kleinen Augenzwinkern sagen: Neben ICD-10 und bald ICD-11 existiert im Alltag vieler Menschen noch eine dritte Kategorie – das „ICD-XY ungelöst“. Situationen also, die sich nicht sofort in eine diagnostische Kategorie einordnen lassen, aber dennoch Aufmerksamkeit und Gespräch verdienen.
Manchmal beginnt Veränderung mit einem Gespräch
Gerade in solchen Phasen kann ein Gespräch helfen, Gedanken zu ordnen, Belastungen besser zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Wer merkt, dass eine Situation belastend wird oder sich festgefahren anfühlt, muss damit nicht allein bleiben. Ein professioneller Gesprächsrahmen kann dabei unterstützen, wieder mehr Klarheit, Orientierung und innere Stabilität zu finden.




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